Der Patient bestimmt die Wahl der therapeutischen Optionen
In meinem Artikel „Grenzen der Alignertherapie“ (KFO-Intern 3/-4/2021, S. 6-29) habe ich anhand eines Patientenbeispiels gezeigt, mit welchen Mitteln und Tricks man die Grenzen der herkömmlichen kieferorthopädischen Möglichkeiten überwinden kann.
Die dort beschriebene Patientin stellte einen 100%igen Chirurgiefall mit über 5 mm progener Relation im Seitenzahnbereich und frontalem sowie lateralem Kreuzbiss dar. Ihr ausgesprochener Wunsch war eine Behandlung ohne invasive chirurgische Intervention. So von der Patientin entschieden, versuchten wir unser Bestmögliches, ein gutes Ergebnis auch ohne bimaxilläre Intervention zu erreichen.
Der Erfolg spricht für sich (Abb. 1,2). Ein entscheidendes Kriterium, um aus ihr einen Non-Surgery-Fall zu machen, war die Auswertung der 3D-DVT-Aufnahmen.
Nun kommt ein sportlicher junger Mann in die Praxis. (Abb. 3a,b) Er hat eine progene Verzahnung von 3-4 mm im Seitenzahnbereich und weist einen frontalenKopfbiss mit Kreuzbiss 21,22 zu 32,33 auf (Abb. 4,5). Seine Behandlung alio loco im Alter von 9-12 Jahren hatte nicht den erwarteten Erfolg gezeigt. Das FRS im Alter von 13 Jahren zeigt eine sichtbare Obstruktion im Isthmus Faucium, was als Trigger für das ausgeprägte mandibuläre Wachstum vermutet werden kann (Abb. 6).
In der FRS-Analyse vor Therapiebeginn stellt der Fall sich als progener Profiltyp mit zu geringem ANB-Winkel dar. (Abb. 7,8,9) Nach der Therapie entspricht der ANB dann dem geforderten Wert eines immer noch progenen Profiltyps von hier 5-6°.
Die Ursache des ausgeprägten mandibulären Wachstums liegt vermutlich in seinen Atemwegsobstruktionen in der Kindheit. Als Kind litt er unter Pseudokrupp-Attacken. Zu Therapiebeginn sind hier noch vergrößerte Tonsillae palatinae diagnostizierbar (Abb. 10). Diese erschweren eine physiologische Nasenatmung, da die Atemwege im Isthmus faucium durch die chronische Reizung irritiert sind und die Zunge nach anterior ausweicht.
Die Zunge muss nach anterior ausweichen und führt zu einem proliferierendem Wachstum der Mandibula. Bei mäßiger Anstrengung musste der Patient schon sehr frühzeitig auf die Mundatmung wechseln, was zu einer verringerten Zungenmotilität mit fehlendem Wachstumsreiz der Maxilla führte. Ebenso fördert die ungefilterte kalte Luft die Persistenz einer chronischen Bronchitis.
Bei dem vorliegenden Krankheitsbild (Pseudo-Krupp/mandibuläre Hypertrophie) ist selbst bei nicht verengten Atemwegen (Abb. 11-14) im Isthmus Faucium an eine chirurgische Verkleinerung oder Entfernung der Tonsillae palatinae zu denken, denn die von ihnen ausgehende ständige Reizung kann als Ursache der Anomalie gelten und kann ebenso nach erfolgreicher Therapie der Auslöser zum nachfolgenden Rezidiv sein. Der hier dargestellte Fall weist eine deutlich geringere Schwierigkeit auf, um diesen Patienten ohne chirurgische Intervention erfolgreich zu therapieren, zumal die Rekonstruktion der individualisiert optimierten Schneidezahnrelation als ein deutliches Zeichen für eine Non-Surgery-Therapie gewertet werden kann.
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