Frage, Stadtjournal: Herr Prof. Dr. Polzar (KKU), Ihr letzter Beitrag hat bei unseren Leser/innen unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Einige Male wurde die Kritik geäußert, Ihr Text würde darauf abzielen, statt einer Behandlung von Corona eine Gabe von Vitamin D zu empfehlen. Wie reagieren Sie darauf?

Antwort: Dazu möchte ich ein paar erläuternde Bemerkungen machen: In meinen Ausführungen zur Bedeutung von Vitamin D für das Immunsystem und die Fähigkeit, sich vor Infektionen zu schützen, war es nie meine Absicht und wird es nie sein, das Vitamin D als Therapie bei einer Corona-Erkrankung zu empfehlen. Jeder, der Symptome aufweist oder erkrankt ist, muss sich umgehend einer eingehenden medizinischen Untersuchung unterziehen. Kein Vitamin der Welt kann eine Behandlung von Experten in einer Klinik ersetzen!

Worum es mir ging, ist folgendes: Bei der Untersuchung von an Corona verstorbenen wurde deutlich, dass alle einen erheblichen Mangel an Vitamin D aufwiesen. Verbunden mit dem Wissen darüber, welche wichtige Funktion Vitamin D im Körper hat, ist es logisch, davon auszugehen, dass eine ausreichende Versorgung mit diesem Vitamin ein stärkeres Immunsystem bedingt. Selbstverständlich müssen weiterhin alle nötigen Abstands- und Hygieneregeln zur Eindämmung der Pandemie eingehalten werden. Alles andere wäre schlicht fahrlässig. Doch genauso fahrlässig ist es, eine gesunde Lebensweise inklusive einer ausreichenden Gabe von Vitamin D als Mittel der Prävention nicht stärker ins Auge zu fassen.

Warum ist es bei älteren Menschen, die ja bekanntermaßen zur Risikogruppe gehören, kein Standardbefund, den Vitamin D-Spiegel zu ermitteln? Und: warum wird das Vitamin D nicht automatisch verabreicht? Das ist für mich nicht nachvollziehbar, gerade auch, weil eine Jahresdosis um die 20 Euro kostet.

Für weitere Informationen hierzu empfehle ich die Webseite www.vitamind.net vom Dr. Schweikart Verlag. Hier finden sich zu allen Themen umfangreiche Quellenangaben zum Nachlesen.

Frage, Stadtjournal: Kommen wir zum aktuellen Thema unseres Gesprächs: Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, den Bereich Zahlen/Mengen/Werte anzusprechen?

Antwort: Weil es hier leider ein großes Wirrwarr gibt, mit dem gerade Patienten immer wieder zu kämpfen haben. So gibt es un-terschiedliche Werte, die in der Medizin verwendet werden. Angenommen, ich möchte wissen, wie mein Vitamin D-Spiegel ist und gehe zum Arzt: dann kann es sein, dass ich eine Zahl bekomme mit dem Zusatz mmol/l (Millimol pro Liter). Das wird in der Praxis häufig so gemacht. In der Literatur wiederum heißt es ng/ml (Nanogramm pro Milliliter). Da fängt es schon an: zwei verschiedene Angaben für ein und dieselbe Sache. Einmal haben wir eine Gewichtseinheit (Gramm), einmal eine molekulare Mengeneinheit (Mol). Jetzt gilt: zehn Nanogramm sind 25 Millimol, der Faktor beträgt also 2,5. Ich selbst spreche immer von Nanogramm, da es die üblichere Variante ist.

Frage, Stadtjournal: Welcher Wert an Vitamin D im Blut ist Ihrer Meinung nach nötig?

Antwort: Wenn es darum geht, wie viel Vitamin D ich regelmäßig zuführen muss, um einen angemessenen Spiegel zu haben, stehen wir wieder vor dem Problem der unterschiedlichen Angaben. Einmal gibt es hier das μg (Mikrogramm), zum anderen die Abkürzung i. E. (internationale Einheit). Letzteres ist eine Festlegung der Pharmaindustrie. Die auf den Packungen und in den Empfehlungen angegebenen Werte hören sich nach viel an, sind umgerechnet jedoch sehr gering. 1.000 i. E. ergeben 25 Mikrogramm. Um es zu verdeutlichen: 40.000 i. E. sind gerade einmal 1 Milligramm, also 1 Tausendstel Gramm. Das ist nicht viel. Um auf die Frage zurückzukommen: Ein sinnvoller Blutwert liegt nach herkömmlicher Auffassung bei 20 ng/ml. Viele neuere Studien jedoch zeigen, dass schon unter 30 ng/ml eine Unterversorgung vorliegt. Ein Wert unter 20 ng/ml bedeutet demnach bereits einen erheblichen Mangel.

Frage, Stadtjournal: Woher kommt diese Uneinigkeit?

Antwort: Hier gibt es zwei verschiedene Ansätze. Alle, die der herkömmlichen Variante anhängen, gehen davon aus, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung eine Unterversorgung aufweist. Die Progressiven wiederum sprechen von 85 Prozent. Selbst, wenn es sich „nur“ um die Hälfte handeln sollte, legt dies doch ein gesellschaftliches Problem offen. Wenn wir vom Idealfall ausgehen und darüber sprechen, welchen Wert der Körper selbst in der Lage ist durch ausreichendes Sonnenbaden zu produzieren, dann sind wir bei einem Wert zwischen 30 und 90 Nanogramm. Manche sprechen auch von 30 bis 60 ng/ml, an-dere von 40 bis 60 ng/ml. Man erkennt aber hieran schon, wohin der Mittelwert geht. Untersuchungen von Naturvölkern, welche sich vornehmlich im Schatten aufhalten, haben gezeigt, dass deren Vitamin D-Gehalt im Blut zwischen 46 und 48 ng/ml liegt. Also kann man davon ausgehen, dass dieser Wert jener ist, der dem Original am nächsten kommt. Der durchschnittliche Wert in Deutschland liegt jedoch erschreckender Weise lediglich bei 16 ng/ml. Damit sollte klar sein, dass hier ein Problem vorliegt.

Frage, Stadtjournal: Wie bekomme ich ausreichend Vitamin D im Alltag?

Antwort: Hier lohnt sich ein Blick auf die Ursachen für den Vitamin D-Mangel: unsere moderne Lebensweise ist geprägt von langen Aufenthalten in geschlossenen Räumen, in aller Regel vor Bildschirmen und fast immer in Kombination mit einer ungesunden Ernährung bzw. Lebensweise. Es ist allgemein bekannt, dass direkte Sonneinstrahlung bei der Produktion von Vitamin D hilft. Man muss hier unterscheiden zwischen der UVA- und der UVB-Strahlung. Letztere ist für die Bildung von Vitamin D verantwortlich, UVA-Strahlen gehen in die Tiefe und sind nicht nützlich. Ganz im Gegenteil: UVA-Strahlen können Melanome bilden, während UVB-Strahlen für die Hautpigmentierung verantwortlich sind. Jetzt kommt noch hinzu, dass die Sonnenstrahlen nur bei einem Einfallwinkel von mindestens 45° die Vitamin D-Bildung durch die Haut anregen. Das heißt, der Schatten darf nicht größer sein als der eigene Körper. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Sonne im Winter nicht dazu in der Lage ist, dies zu tun. Die Folgen liegen auf der Hand: weniger Bildung von Vitamin D, aufkommender Vitamin D-Mangel, schwächeres Immunsystem etc.

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