3D Technik in der KFO

Teil - 5 - Veröffetlichung KFO-IG: Interview zur Aufklärung des Patienten über die Röntgenstrahlen

Frage, Rainer Munker: Ich spüre Ihre Begeisterung für diese neue 3D-Technik, doch wo ist heute die Standardindikation zum DVT in der kieferorthopädischen Praxis?

Antwort: Die herkömmliche Standardindikation in der KFO-Praxis, als Paradebeispiel, ist der verlagerte oder retinierte Zahn (Abb. 10, 11). Gerade bei verlagerten oder retinierten oberen Eckzähnen, will man wissen, ob diese vom Gaumen oder von der Wange aus einzuordnen sind. Um den kindlichen Patienten vor unnötigen Qualen bei der Freilegung zu schützen, ist es für den Oralchirurgen ganz besonders wichtig, sich vor der operativen Freilegung ein richtiges Bild von der anatomischen Lage des Patienten zu machen. Nur mit einer DVT-Aufnahme ist dies zweifelsfrei und sicher möglich.

Retention oberen Eckzahn

Abb.10 Patient mit Transposition und Retention des oberen Eckzahnes.

Retinierten Eckzähnen

Abb.11 Patient mit retinierten Eckzähnen bei nicht angelegten oberen Schneidezähnen.

Frage, Rainer Munker: Gibt es noch weitere Standardindikationen aus Ihrer Sicht?

Antwort: Ja, heute lassen sich immer mehr Erwachsene kieferorthopädisch behandeln. Dabei ist zum einen zu klären, ob und wie der Zahn im Knochen steht und zum anderen, welche Form die Zahnwurzel hat. Viele Erwachsene leiden unter Parodontose und die Zähne wandern dann nach vorne weg. Das heißt der Zahn ist nicht mehr vollständig oder gar nicht mehr in seinem natürlichen Knochenbett verankert. Zahnverlust droht! Erst durch ein DVT kann zweifelsfrei geklärt werden, inwieweit der Zahn noch im Kochen steht. Die beigefügte Abbildung zeigt z.B. einen Fall, der sich leider zu spät in der Praxis gemeldet hat (Abb. 12). Hier hilft dann nur noch künstlicher Aufb au des Knochens und Implantate und dafür braucht man auch wieder ein DVT.

DVT Prodontitis

Abb.12 Patient mit ausgeprägter Parodontitis und teilweise vollständigem Knochenverlust.

Frage, Rainer Munker: Das heißt, Sie würden bei jeder kieferorthopädischen Erwachsenentherapie ein DVT empfehlen?

Antwort: Mit solch einer Aussage muss man heute noch vorsichtig sein. Aber fest steht, will ich eine umfassende, allfürsorgliche KFO-Therapie bei Erwachsenen machen, muss ich zum einen die „Autobahn“ kennen, auf der ich die Zähne bewege und zum anderen auch die Autos, sprich die Zähne kennen, mit denen ich darauf herumfahre. Also ohne genaue Kenntnis von Größe und Form der Zahnwurzeln und der umgebenden Knochen kann ich in den meisten Erwachsenenfällen keine verantwortungsvolle Kieferorthopädie machen. Wenn ich die Zähne auf die Reise schicken will, muss ich schließlich auch den richtigen Weg hierfür kennen. Dann kommt noch erschwerend hinzu, dass ich in meiner Praxis viele Patienten habe, die schon zuvor eine oder zwei erfolglose Therapien hinter sich hatten, oder es zum Rezidiv gekommen ist. Bei diesen Fällen muss man ganz besonders aufpassen. Heute verwenden immer mehr Kieferorthopäden vorgeformte dicke superelastische Drähte, die nicht der individuellen Zahnbogenform der Patienten entsprechen. Wenn diese dann noch mit den so „modernen“ selbstligierenden Brackets kombiniert werden, können ganz erhebliche Schäden am Zahn selbst und am Zahnhalteapparat entstehen. Wurzelresorptionen (Abb. 13) und Zahn-fl eischrezessionen (=Rückgang des Zahnfl eisches) sind dann die häufi ge Folge, oder die Zähne sind vom Weg abgekommen und stehen außerhalb des Knochens! Bei solchen Zweitbehandlungen ist es geradezu unum-gänglich, sich vor der Therapie ein aufschlussreiches dreidimensionales Bild zu machen, um diese schwieri-gen anbehandelten Fälle noch zu meistern.

Frage, Rainer Munker: Das hört sich ja komplex oder gar bedrohlich an!? Gibt es auch positive Berichte?

Antwort: Ja, bei einer Patientin konnte ich einen Tumor feststellen, der nicht im herkömmlichen Röntgenbild zu sehen war. Nach pathologischer Abklärung ist er wohl nicht bösartig, aber doch gewebeverdrängend. Er steht nun unter konsekutiver DVT-Überwachung. In einem anderen sehr kuriosen Fall hatte ich meinen Bruder untersucht. Er litt unter einem erhöhten Augendruckgefühl, wie es von einer Sinusitis herrühren kann. Um auszuschließen, dass ein Oberkieferzahn die Ursache war, fertigte ich ein DVT an. Überraschenderweise sahen wir dann zwei kleine feste Körper im Gehirn. Um auszuschließen, dass es sich um sogenannte Verkalkungen von Arterien handeln könnte, überlagerten wir die nachfolgend angefertigten MRT-Aufnahmen mit den DVT-Aufnahmen (Abb. 14). Erst so konnten wir sicher und zweifelfrei die anatomische Lage dieser „Gehirnsteine“ bestimmen. Diese bilden sich als Siphoneff ekt in Plexus Choroideus, dem Venengefl echt, welches die Gehirnflüssigkeit mit Mineralien versorgt. Solche Ablagerungen sind Gott sei Dank völlig harmlose Erscheinungen, die keinen negativen Einfluss auf die Gehirnfunktion haben.

DVT KFO

Abb.13 Patientin mit über 50% Verlust der Frontzahnwurzel durch zu starke Kräfte mit selbstligierenden Brackets während der kieferorthopädischen Behandlung.

DVT MRT

Abb.14 DVT „gematcht“ mit MRT zur Bestimmung der anatomischen Lage der Gehirnsteine.

Frage, Rainer Munker: Ich bin beeindruckt, das hört sich ja schon fast nach Forschung an.

Antwort: Das stimmt, mit dem DVT taucht man in eine neue Welt der Anatomie ein. Man erlebt die Dinge wirklich dreidimensional, kann darin virtuell herumfliegen, aus jeder Perspektive Fotos schießen oder durch virtuelles Aufschneiden der Aufnahmen in Bereiche vordringen, die sonst bei einem lebenden Menschen gar nicht erreichbar oder einsehbar wären. Das führt zwangsläufig zu einem neuen Bild des Menschen und zu einer neuen Sichtweise des eigenen Arbeitsfeldes. So habe ich schon einige Arterien ausfindig machen können, die in den Lehrbüchern gar nicht beschrieben wurden. Es fordert aber auf der anderen Seite stete Wachsamkeit und stetes Studium und Kontrolle des eigenen Wissens. Für mich ist das eine interessante Herausforderung.

Frage, Rainer Munker: Das ist ja wirklich sehr interessant, wo sehen Sie die Zukunft des DVT und was wird sich daraus entwickeln?

Antwort: Die Zukunft wird sich nicht mehr nur auf die Diagnostik beschränken, sondern eindeutig die Therapie mit einbeziehen. So wie die Implantologen das DVT als wertvolle Hilfe zur korrekten Platzierung der Implantate nutzen, wird es in der Zukunft möglich sein, all diese Daten in die kieferorthopädische Therapie direkt einzubeziehen. Der Verlauf der Knochenstruktur, die Zahnwurzelanatomie, Weichteile und Atemwege werden dann ein selbstverständlicher Bestandteil in der kieferorthopädischen Behandlung werden.

Ich habe gerade vor kurzem in wissenschaftlichen Vorträgen erstmals einen Fall vorgestellt, in dem das Prozedere der gesamten kieferorthopädischen Behandlung alleine auf der Basis einer 3D-DVT-Aufnahme aufgebaut wurde. Bei einem jungen erwachsenen Mann (Sohn eines Kollegen) wurden die schief stehenden Zähne nur auf der Grundlage eines DVT-Datensatzes mit kieferorthopädischen Schienen, sogenannten Alignern, gerade gerichtet. Für die Behandlung waren keine Abdrücke mehr notwendig und das komplette biologische System wurde vollständig erfasst. Dies ist aus meiner Sicht ein wegweisender Durchbruch in der Kieferorthopädie und ein erster Schritt in die Zukunft unseres Faches.

Frage, Rainer Munker: Das waren ja sehr aufschlussreiche Erläuterungen und wie man glauben mag, eine Reise in die Zukunft der Medizin. Wir können gespannt sein, wie sich dieses Feld noch entwickeln wird.

Antwort: Darauf bin ich auch gespannt. Doch zum Abschluss möchte ich noch ein paar ganz „unmedizinische“ Bilder präsentieren. Wie schön die Natur mit dieser neuen „Lupe“ ist, möchte ich dem aufmerksamen Leser noch mit zwei meiner Lieblingsbilder aus dem DVT-WhiteFox Röntgengerät zeigen. Das eine ist eine Muschel, die ich in Thailand gefunden habe und den Röntgenschatten als illuminierte Korona um den Korpus herum erleuchten lässt (Abb. 15, 16), das andere ist die Faszination eines aufgeschnittenen Apfels mit den grazilen Venturigängen im Inneren dieser biblisch verführerischen Frucht (Abb. 17)..

Frage, Rainer Munker: Wenn Sie all diese Erkenntnisse aus der neuen 3D-Röntgentechnik zusammenfassen, was würden Sie dann sagen?

Antwort: Mein letzter Satz könnte dann lauten: Der Vergleich von herkömmlichen 2D-Röntgenverfahren mit den 3D-DVT-Aufnahmen entspricht manches Mal dem Konfl ikt der folgenden Metapher: „Wie erklärt man einem Blinden den Geschmack der Farbe Rot?“ (Erdbeere, Blut oder Kirsche?)

DVT Röntgenschattens

Abb.15 Muschel aus Thailand, DVT-Aufnahme mit Darstellung des Röntgenschattens.

DVT Muschel Gehäuses

Abb.16 Gleiche Muschel, jedoch hier mit Darstellung des inneren Gehäuses.

DVT

Abb.17 DVT-Aufnahme eines Apfels

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